Softbanks 75-Milliarden-Investition in Frankreich – Europas KI-Souveränität entsteht, aber nicht durch Europa

Startup Insider – Investments & Exits · 3. Juni 2026

Quelle: Startup Insider – Originalepisode

SoftBank investiert bis zu 75 Milliarden Euro in Datacenter in Hauts-de-France – 45 Milliarden hard committed über fünf Jahre, das größte Infrastrukturprojekt der europäischen Geschichte. Europas KI-Souveränität entsteht, aber nicht durch Europa. Björn Rieckhoff und Jan Thomas ordnen den Deal ein: warum französische Nuklearkapazitäten Industriestrom für 58 statt 91 Euro pro Megawattstunde liefern, wie SoftBank gleichzeitig auf Stargate, ABB Robotics, ARM und Frankreich wettet – bei rund 130 Milliarden Dollar Schulden gegen 270 Milliarden Marktkapitalisierung. Dazu: Anthropic mit 47 Milliarden annualisiertem Umsatz im fünften Jahr, der Vergleich zur SpaceX-Bewertung und die 96-prozentige Abhängigkeit Deutschlands von ausländischer KI-Technologie.

Kernthemen dieser Episode

  • SoftBank in Hauts-de-France: Bis zu 75 Milliarden Euro für Datacenter zwischen Paris und Belgien, 45 Milliarden hard committed über fünf Jahre. Größtes Infrastrukturprojekt der europäischen Geschichte – finanziert durch japanisches Kapital, ermöglicht durch französische Nuklearkapazitäten.
  • Energie als Standortfaktor: Industriestrom in Frankreich für 58 €/MWh, in Deutschland für 91 €/MWh. Stabile Grundlast durch funktionierende Nuklearkapazitäten – während Deutschland den Atomausstieg eher schnell als reflektiert beschlossen hat.
  • Anthropic vs. SpaceX: 47 Milliarden Dollar annualisierter Umsatz, fünf Jahre nach Gründung – Substanz statt Story. Tech-Branding ("ich arbeite für Anthropic") als neue Wachablösung von Facebook und Google.
  • SoftBanks Hebel: Rund 130 Milliarden Dollar Schulden bei 270 Milliarden Marktkapitalisierung. OpenAI-Stake als Collateral, Stargate, ABB Robotics, ARM und Frankreich – wie tragfähig ist das Konstrukt?
  • Deutschland zwischen Vorsicht und Bedeutungsverlust: 96 Prozent Abhängigkeit von ausländischer KI-Technologie. Bitkom: 60 Prozent KI-Adoption bei Unternehmen über 500 Mitarbeiter. Vorsicht als Vor- oder Nachteil?
  • Geschwindigkeit als Alleinstellungsmerkmal: Macron-Besuch in Tokio als persönlicher Hebel für privates Kapital – versus halbstaatliche Förderprogramme mit zweijährigen Antragsprozessen.
  • European Dynamism in der Praxis: Schneider Electric als Hardware-Partner statt Siemens. Plädoyer für eine geschlossene europäische Antwort statt nationaler Süppchen.

Transkript

Das folgende Transkript wurde für die Lesbarkeit bearbeitet. Inhalt und Aussagen wurden nicht verändert.

Jan Thomas: Björn, hi, freut mich!

Björn Rieckhoff: Hi Jan, ebenfalls, freut mich sehr.

Jan Thomas: Ich hoffe, dir geht es gut. Du warst im Urlaub, hoffentlich gut erholt.

Björn Rieckhoff: Ich bin sehr gut erholt. Ich habe die italienische Sonne genießen können, war in Norditalien am Gardasee. Das war fantastisch.

Jan Thomas: Und schon jetzt quasi die Batterien aufgeladen für die SuperVenture, SuperReturn.

Björn Rieckhoff: Richtig, richtig, dann geht es wieder los. Ich bin in der letzten Woche viel Fahrrad gefahren, ein paar Höhenmeter gesammelt. Die Beine sind jetzt müde, dafür ist der Kopf erholt. Und nächste Woche geht es dann anders herum: Da können sich die Beine erholen, und der Kopf wird belastet.

Jan Thomas: Ich habe an dich gedacht gestern. Ich habe mit Enrico Ohnemüller von Bunch gesprochen, und da ist zum ersten Mal der Begriff European Dynamism gefallen. Das fand ich eigentlich ganz cool. Er hat das so als Mission von Bunch ausgegeben – wir müssen hier irgendwie gegenhalten, hat ja auf Andreessen Horowitz verwiesen, auf dieses American Dynamism, über das wir hier gesprochen haben. Und da habe ich gedacht: Ach cool, das Dynamism, das wird sich jetzt etablieren, so eine Art Konflikt zwischen den Kontinentalplatten.

Björn Rieckhoff: Ja, ich muss ein bisschen lächeln. Ich finde es auf der einen Seite ganz geil, solche Wörter in den Mund zu nehmen, auch gerade European Dynamism. Auf der anderen Seite ist es natürlich so eine brutale Language. Aber ich würde jetzt vermeiden wollen, in Zukunft der Hardliner dieser Richtung zu werden. Vielleicht würden uns ein paar europäische Äquivalente zu einem Peter Thiel und Co. guttun, in gewisser Weise.

Jan Thomas: Ja, wobei der ist ja jetzt zum Glück – oder was heißt zum Glück? – interessanterweise nach Argentinien ausgewandert. Das fand ich auch wieder ganz spannend, das hatten wir gerade im Newsletter als Top Story. Also passiert wirklich viel auf der Welt gerade. Du, vielleicht noch ganz kurz, bevor wir einsteigen ins Thema von heute. Das passt ja eigentlich zum Thema European Dynamism. Aber ich hatte wirklich an dich gedacht – im Vorgespräch schon gesagt: Hätte ich gewettet, worüber wir heute sprechen, hätte ich gesagt: Wir reden heute über den Oura-IPO, der sich auch so langsam anbahnt. Und Oura Ring Gen 5 kam ja auch gerade raus. Also da passiert auch viel an der Front. Ich bin sehr gespannt – hast du da einen Take zu?

Björn Rieckhoff: Tatsächlich, ich hänge immer noch so an unserem Gespräch aus dem, ich weiß nicht, September oder so. Mir fehlt immer noch das, was du damals angesprochen hast: Wo läuft das mal hin? Was ist eigentlich das Long-Term-Play der ganzen Geschichte? Das wird mir immer noch nicht so hundertprozentig klar. Völlig klar ist, dass es eine unheimlich gute Consumer-Company ist, aber so ganz durchdrungen habe ich das noch nicht.

Jan Thomas: Sie sind halt Marktführer, oder?

Björn Rieckhoff: Es wird spannend zu sehen, was dann die Capital Markets daraus machen. Es ist natürlich immer noch etwas anderes, wenn du Privatinvestoren eine gewisse Story verkaufen kannst, oder ob das auf dem Parkett - also in der Breite des Marktes - auch tatsächlich als vielversprechend angesehen wird.

Jan Thomas: War ja, glaube ich, eine Elf-Milliarden-Bewertung – das kaufe ich noch nicht. Aber ich habe zeitgleich gesehen: Google hat ein neues Armband rausgebracht, das Google Fitbit Air. Und da siehst du schon, dass dieser Gesundheits-Tracking-Bereich auch bei den Großen super wichtig ist. Vielleicht schnappt sich das auch noch ein Großer irgendwann. Würde mich nicht so wundern.

Björn Rieckhoff: Du, es geht ja immer darum – wir sprechen häufig von proprietären Datensätzen. Das aufzubauen ist natürlich das Gold der Zukunft, und da sind die Companies, die darauf Zugriff haben oder diese erstellen, unheimlich gut positioniert, unabhängig davon, ob das im B2B-Kontext oder B2C ist. Deswegen macht das total Sinn, dass sich die Großen sehr stark engagieren.


Jan Thomas: In dem Kontext: Es gibt jetzt ein neues Startup, habe ich hier schon mal erzählt im Podcast – das finde ich total abgefahren, weil du sagst Datensammeln. Es gibt ein Startup in New York, das jetzt kostenlos deine Wohnung putzt. Im Gegenzug müssen aber die Cleaner, die das kostenlos für dich machen, eine Kamera tragen und quasi jeden Handgriff aufzeichnen, der dann anonymisiert zum Trainieren von Robotern genutzt wird. Das finde ich total abgefahren.

Björn Rieckhoff: Es ist so ein bisschen dieses Thema oder diese Analogie, die man damals in Social Media immer gezogen hat: Wenn es nichts kostet, dann bist du höchstwahrscheinlich selber das Produkt. Und ich schaue da so ein bisschen kritisch drauf auf solche Bewegungen.

Jan Thomas: Also jetzt hast du aber, da kitzelst du mich, Björn – also wenn wir da noch kurz... Das ist wirklich total spannend, weil ich habe das gleiche dann in dem Kontext gedacht. Jeder von uns nutzt ja gerade ChatGPT oder Claude, und die kosten ja auch fast nichts. Und überleg mal, warum. Ich finde, das ist nah dran an dem, was du gerade gesagt hast. Ich glaube, wir begreifen alle nicht, dass wir auch da eigentlich das Produkt sind und mit dem, was wir tun, eigentlich die KI gerade schlauer machen, um dann irgendwann unseren Job zu übernehmen.

Björn Rieckhoff: Ja, ich meine, am Ende des Tages – auch da muss man vorsichtig sein. Gerade wenn es um Claude Cowork und Co. geht: Worauf gibst du Zugriff und dergleichen? Außerdem hilft es, sich bewusst zu machen: Was wird tatsächlich mit den Daten gemacht? Kann darauf trainiert werden oder nicht? Da gibt es ja unterschiedliche Ansätze. Mir tut es immer ganz gut, oder mich beruhigt es in gewisser Weise, wenn ich so die Intention von Anthropic sehe, die ja auch von der Gesellschaftsstruktur so aufgestellt sind, dass sie eben "The Greater Good" im Auge haben. Es ist so ein bisschen wie Google damals, die ursprünglich mal die Vision hatten: "Do No Evil". Das haben sie irgendwann fallen lassen.

Jan Thomas: Klammheimlich ist das verschwunden.

Björn Rieckhoff: Genau. Insofern hoffe ich, dass bei den großen Playern diese Intention – auch gerade ethisch – so lange wie möglich hochgehalten wird. Aber du hast schon recht. Ich glaube, auch da ist es so: Wenn man die Ethik beiseite schieben würde, wäre wahrscheinlich eine ganze Menge möglich mit den Sachen, die vom Otto-Normalverbraucher geteilt werden.

Jan Thomas: Es gibt ja diesen schönen Satz: Der Google-Suchschlitz weiß mehr über dich als dein bester Freund. Und das ist wahrscheinlich auch so. Und ich glaube, jetzt bei ChatGPT und Claude ist es nochmal krasser – weil da lädst du halt... bei Google kannst du nicht mal einen Vertrag hochladen oder deine Gesundheitsdaten oder sowas. Das macht halt der eine – der eine lädt quasi seine tiefsten Seelenqualen hoch, der andere lädt den Vertrag für seinen Hauskauf hoch und sagt: "Prüf den mal." Und im Endeffekt trainierst du damit halt die ganze Zeit eine KI. Das ist schon irgendwie auch ein bisschen perfide.

Björn Rieckhoff: Weißt du, was mich so ein bisschen überrascht: Teilweise ist es ja noch nicht mal so, dass ich das bewusst unbedingt mache, sondern alleine solche Sachen wie – es gibt ja diese Standard-Use-Cases von Claude Cowork oder so: "Sortier mir meine Screenshots", "Räum meinen Downloads-Ordner auf". Viel Spaß, ne? Da sind ja sämtliche Versicherungspolicen drin und im Zweifel Abrechnungen, die man jemals hatte. Also das ist einfach ein Datenpool, mit dem man sehr, sehr vorsichtig umgehen muss.

Jan Thomas: Ja, die Daten – aber jetzt nimmst du als Beispiel: Du bist als Berater unterwegs, willst irgendwann mal anfangen mit einem Branding oder hast eine Marketingstrategie. Und allein dieser Dialog, den du dann führst, ist ja schon wieder ein Trainieren einer KI. Die KI schickt dir was vor, dann gibst du Feedback – und weißt du, das ist ja Gold wert hinterher. Das macht man sich nur nicht so klar, dass man eigentlich auch hier das Produkt ist. Es ist halt nur nicht offensichtlich.

Björn Rieckhoff: Das stimmt, absolut.


Jan Thomas: Du, wo wir gerade dabei sind, vielleicht nur ganz kurz: Anthropic, IPO-Pläne. Wir haben es hier in den letzten Tagen immer wieder mal diskutiert, dass die diese krasse letzte Finanzierungsrunde hatten, jetzt OpenAI überholt haben. Wir haben hier auch SpaceX diskutiert, die an die Börse wollen. Was würdest du lieber kaufen – eine SpaceX-Aktie oder zwei Anthropic-Aktien?

Björn Rieckhoff: Zwei Anthropic-Aktien.

Jan Thomas: Ja, also ganz klar, ne?

Björn Rieckhoff: Also auch nur eine halbe. Mir ist egal – ich würde auf keinen Fall SpaceX kaufen.

Jan Thomas: Ja, so ist es.

Björn Rieckhoff: Ja, ja.

Jan Thomas: Ich finde es interessant, dass SpaceX wirklich doppelt so viel wert sein möchte wie Anthropic. Und interessanterweise genauso viel wert ist wie der gesamte DAX.

Björn Rieckhoff: Ach, das ist so absurd, wie dieser Mensch einfach ein Narrativ spinnen kann. Da kann man sich eine Scheibe abschneiden – aber auch, dass es Leute gibt, die das einfach so kaufen. Das ist für mich unvorstellbar. Wahrscheinlich bin ich zu kurzsichtig im Zweifel. Aber wer gefühlt alle zehn Minuten sein komplettes Geschäftsmodell oder die Vision der Company ändert – da fällt es mir schwer, das Ganze langfristig zu sehen.

Jan Thomas: Und du hast ja gerade bei Oura gesagt: Mal gucken, wie die Public Markets reagieren. Was würdest du bei Anthropic sagen, wenn die an die Börse gehen?

Björn Rieckhoff: Weißt du, bei Anthropic ist es so spannend – die haben extrem viel Umsatz in extrem wenig Zeit gemacht. Das ist jetzt kein Hype-Play im Sinne von "Wir verkaufen nur eine Story", sondern da ist wirklich auch Substanz drin.

Jan Thomas: Die fangen gerade erst an.

Björn Rieckhoff: Aber ich habe gesehen, Anthropic offiziell hat gesagt: 47 Milliarden Dollar annualisierter Umsatz. Das ist halt...

Jan Thomas: ...nicht mal fünf Jahre.

Björn Rieckhoff: Fünf Jahre nach Gründung – überleg mal, was das für Größenordnungen sind.

Jan Thomas: Deswegen, also würde es mich fragen: SpaceX, die streiche ich aus meinem ganzen Gedankenkosmos. Da bin ich gespannt, was das wird. Das ist mir auch ein zu langer Shot irgendwie. Vielleicht sind die in zehn, zwanzig Jahren da Monopolist und denen gehört der ganze Weltraum. Aber ich glaube, Anthropic zwischenzeitlich, das wird mal die wertvollste Firma der Welt.

Björn Rieckhoff: Ja, das könnte ich mir auch durchaus vorstellen. Ich glaube, es wird irgendwann – wir hatten es glaube ich in der letzten Episode besprochen – du hast vielleicht irgendwann diese Verschiebung von einem Microsoft und einem Apple hin zu einem OpenAI und einem Anthropic oder dergleichen. Und ich glaube, das formt sich gerade. Ich will jetzt nicht unbedingt die Apples und die Microsofts der Zukunft kleinreden, das bleiben sehr relevante Player. Aber du hast halt einfach diese Geschwindigkeit, die diese vermeintlich kleineren Player auf die Straße bringen. Die ist so enorm, dass das sich schwer replizieren lässt. Selbst wenn du die meilenweit im Rückspiegel siehst und du den Blinker setzt, dann kommst du trotzdem nicht vor denen auf die linke Spur.

Jan Thomas: Ich glaube, Pip hatte im Podcast erzählt – ich bin nicht ganz sicher, ob ich es richtig zitiere – dass die es sogar geschafft haben, den Umsatz pro Kopf zu verfünffachen, also pro Nutzer. Das ist so abgefahren. Und ich hatte gestern hier Henri Kühnert und Daniel Höpfner sitzen, und die haben dann auch gesagt: Wenn man Anthropic jetzt einem wegnehmen würde und einfach sagen würde "ab jetzt kostet das 500 Euro", dann bist du inzwischen – du kommst zumindest ans Überlegen, dass du sagst: Okay, mir würde so viel fehlen. Ich glaube, der Preis wäre zähneknirschend erträglich.

Björn Rieckhoff: Ja, natürlich – was du damit alles machen kannst. Wenn ich es selber in dieser klassischen Beratungsgeschäftsrolle sehe: Würde ich selbst 500 Euro pro Monat zahlen? Naja klar, wenn ich dadurch einen Mandanten mehr bedienen kann, dann sind die 500 Euro in Anführungsstrichen Peanuts. Und das ist ja nur basierend auf mir, kleiner Hansel, also auf extrem kleiner Skala. Was da tatsächlich für ein intrinsischer Wert drinnsteckt - das ist ja ganz, ganz weit weg davon. Du hebelst dich ja total – und deswegen sind eigentlich diese 47 Milliarden annualisierter Umsatz in Anführungsstrichen auch ein Scherz. Wenn du dir anguckst, welche Leute sich aktuell ins Umfeld von Anthropic und OpenAI und dergleichen bewegen – es ist ja schon fast in der Tech-Szene zu einer Art Branding geworden, Ambassador für derartige Firmen zu sein. Irgendwelche Events zu hosten, den Hebel weiter anzusetzen, das ganze Narrativ weiter zu spinnen, ohne dass du dafür großartig was anderes kriegst als Merch. Und dann läufst du da mit einer tollen Anthropic-Cap rum, ne? Aber da siehst du einfach – und das sind ja alles hochtalentierte Leute, die das machen – da siehst du diesen Hebel. Das ist halt wirklich so wie vor zig Jahren: "Ich arbeite für Facebook, ich arbeite für Google" – hast du jetzt: "Ich arbeite für Anthropic." Das ist die Wachablösung.

Jan Thomas: Und tatsächlich – bei OpenAI war ich immer gespannt, was da Johnny Ive irgendwann mal produziert, eine Hardware. Ich glaube, wenn jetzt – egal was es wäre – Anthropic morgen sagen würde, sie würden irgendein Gadget rausbringen: Ich würde es mir kaufen. Egal was. Das Gefühl hatte ich bei OpenAI nie.

Björn Rieckhoff: Ich glaube, es ist einfach diese unterschiedliche Herangehensweise, diese andere Kommunikation und dergleichen, was eine andere Vertrauensbasis auslöst.


Jan Thomas: Dann gehen wir mal zum Thema von heute. Und jetzt ist es natürlich eigentlich schwer – die Frage ist ja: Wo bleibt denn dann jetzt Europa eigentlich? Das ist ja eigentlich so ein bisschen die Brücke. Wir haben ja gerade schon gesagt, European Dynamism – wir wollen es jetzt hier nicht zu plakativ branden, aber es passieren ja zumindest in Frankreich ein paar ganz spannende Dinge. Und da hast du einen Player rausgesucht, der hier besonders aktiv ist.

Björn Rieckhoff: Genau, richtig. Also Thema von heute, nachdem wir jetzt schon 20 Minuten im Podcast sind, ist SoftBank tatsächlich, die einen Mega-Deal mit Frankreich bekannt gegeben haben und bis zu 75 Milliarden Euro in Datacenter in Frankreich investieren wollen. Das Ganze passiert in Hauts-de-France, also irgendwo zwischen Paris und Belgien. Tatsächlich hard committed sind 45 Milliarden über fünf Jahre – das größte, wahrscheinlich tatsächlich jemals existierende Infrastrukturprojekt Europas. Und ich finde das gut, insofern als dass Europas KI-Souveränität entsteht. Aber ich finde es natürlich nicht so gut, dass es nicht durch Europa passiert. Du brauchst dann da wieder die globalen Märkte, die Player wie eine SoftBank, die das entsprechende Geld zur Verfügung stellen. Und da können wir auch gleich mal drüber sprechen, wo das dann eigentlich herkommt – weil das ist ja nicht nur japanisches Geld, was dahinter steckt.

Jan Thomas: Also erstmal hoffe ich, dass das Geld vom Stargate-Projekt abgezogen wurde und da einfach nur soft committed war – hoffentlich. Dass also diese 500 Milliarden, die ursprünglich mal in den USA da investiert werden sollten in die KI-Strategie. Ich frage mich tatsächlich – es sind ja mehrere Fragen mit drin: SoftBank, man kennt die ja so aus der Vergangenheit als Kingmaker und so weiter. Die machen große Wetten, und das finde ich schon mal spannend. Ich weiß aber gar nicht – warum ist das eine Wette? Ich weiß auch gar nicht, ob das überhaupt ein VC-Case ist oder ob es der VC-Arm ist von ihnen. Aber ich hätte gedacht, dieses Geld müsste doch auch woanders zu finden sein.

Björn Rieckhoff: Ich glaube, da spielt diese Infrastruktur-Komponente eine Rolle, und eine Machtverschiebung in diese Richtung. Wir hatten gerade in den letzten Monaten viel gesprochen, wie politisch Kaptail wird, egal in welcher Ebene der Wertschöpfungskette. Und ich glaube, SoftBanks Commitment in diesem Bereich spiegelt das einfach wider. Das ist nicht notwendigerweise ein VC-Case – für mich ist das ein ganz klassisches Infrastrukturprojekt. Das sind halt Datacenter, die die bauen. Das ist kein VC-Case, so gesehen, nein. Aber es ist sehr wohl ein Signal von weltpolitischer Relevanz, wie das da gesetzt wird.

Jan Thomas: Naja, es gab ja jetzt diese 500 Milliarden Sondervermögen, Sonderverschuldung beim Bund. Das wäre eigentlich auch mal so ein Projekt, was daraus finanziert werden könnte. Jetzt nicht in Frankreich natürlich, aber so diese Logik, dass du sagst: Wir bauen eine Infrastruktur, die für die Zukunft relevant wird. Ich weiß bei so einem Data Center – ich kenne die Kalkulation gar nicht. Es ist natürlich klar, dass die relevant sind und dass sie vielleicht irgendwann ein Engpass sind, aber ich wüsste gar nicht, was so ein Data Center hinterher für eine Marge hat. Kenne ich mich nicht mit aus.


Björn Rieckhoff: Ich kann dir konkret das Geschäftsmodell dahinter auch nicht auseinandernehmen, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich könnte jetzt nicht sagen, da stecken X Prozent EBIT-Marge dahinter oder dergleichen, weil ich mich darauf einfach nicht vorbereitet habe. Es gibt so ein paar andere Stoßrichtungen, weshalb ich das Thema ausgewählt hatte. Und das ist auch (...) dieser Souveränitätsgedanke Europas. Wenn du innerhalb von Europa guckst, dann auch wiederum: Wie positioniert sich eigentlich Deutschland hier? Du hattest das Sondervermögen angesprochen, was ja gut ist. Bloß auch da sieht man unterschiedliche Herangehensweisen von Deutschland gegenüber Frankreich. Es gab einige Gründe, die SoftBank mehr oder weniger offiziell publik gemacht hat: Was hat die Entscheidung für Frankreich getrieben? Das war auf der einen Seite ein persönlicher Besuch von Emmanuel Macron in Tokio, der dazu geführt hat, dass dort die persönliche Conviction nochmal greifbar wurde. Auf der anderen Seite ist der entscheidende Faktor mal wieder Energie. Und zwar ganz konkret: In Frankreich kostet die Megawattstunde Industriestrom aktuell 58 Euro, und in Deutschland sind es 91 Euro. Das liegt einfach daran, dass Frankreich funktionierende Nuklearkapazitäten hat, die eine stabile Grundlast zur Verfügung stellen. Und wir haben uns vor einigen Jahren entschieden, das Ganze abzubauen.

Jan Thomas: Wir haben uns entschieden – dass wir fast ein Fragezeichen dran machen, ob das wirklich wir waren oder ob das eine schnelle Merkel-Entscheidung war. Aber sei es drum.

Björn Rieckhoff: Ja, da gebe ich dir recht.

Jan Thomas: Ich habe selten so eine Entscheidung von solcher Tragweite gesehen, die so schnell hinter verschlossenen Türen entschieden wurde.

Björn Rieckhoff: Ja. Weißt du, ich habe manchmal den Eindruck, was das angeht... Ich bin ein sehr, sehr großer Freund von erneuerbaren Energien – darf ich das vorweg sagen. Ich habe erst kürzlich mir selber in meiner Mietwohnung ein Balkonkraftwerk ans Geländer gehängt. Aber du hast halt nicht nur diese Dimension bei solchen Entscheidungen. Gerade jetzt wird das sichtbar, wenn es um eine gewisse Autarkie geht: In einer weltpolitischen Spannungslage kannst du dich nicht mehr nur auf erneuerbare Energien eindimensional entscheiden, weil das zukünftig wertvoll ist. Da musst du vielleicht auch sagen: Ist Nuklear damals gefährlich gewesen, zu einem gewissen Grad? Ja. Haben wir Probleme mit dem Endlager? Ja. Aber lohnt es sich da zu investieren, damit wir zukünftig autonomer werden? Auch da hätte ich ein großes Ja dahinter geschrieben. Und das ist eben diese Kurzsichtigkeit, die man da hatte, muss man konstatieren. Aus heutiger Sicht ist das eine absolute Fehlentscheidung gewesen.

Jan Thomas: Wie gesagt, gehen wir ja auch zu schnell – aber es wird auch in dem Artikel genannt als einer der Gründe. Ich kann mir auch vorstellen, dass das Branding oder die Positionierung von Frankreich sich umgekehrt hat. Ich finde, es ging jetzt relativ zügig – in den letzten drei, vier Jahren – dass sie sich als die KI-Hochburg in Europa positioniert haben, oder?

Björn Rieckhoff: Ja, komplett. Also nicht nur jetzt infrastrukturseitig – ehrlicherweise konnte Frankreich diese Story sehr gut spielen, weil andere große Nationen in Europa wie eben Deutschland das Tor auch aufgemacht hatten. Und da kann Macron sich gut hinstellen und sagen: "Na gut, wir können die Nuklearkapazitäten zur Verfügung stellen dafür, dass das hier alles errichtet werden kann." Gleichzeitig hast du in Paris einen unheimlichen Push gehabt in Richtung Tech-Szene, hast solche Station F im Prinzip als Aushängeschild gehabt – was maßgeblich gefördert wird und was der eine relevante Hub in Frankreich geworden ist. Also nicht nur Paris selber als Hub, sondern eben auch die konkrete Location. Und sowas fehlt natürlich in Deutschland, als dass du nicht diese Zentralisierung hast. Vor- und Nachteile – da kann man viel darüber sprechen – aber da hat sich Frankreich schon sehr, sehr sinnvoll positioniert, muss ich auch sagen.


Jan Thomas: Ich bin bei den Rechenzentren und der Geschwindigkeit, in der die gebaut werden – ich bin da total zwiegespalten. Also ich sehe das in den USA, was da für Megaprojekte geplant werden. Das ist irgendwie so größer Manhattan und größer. Und dann habe ich gelesen, dass die einen Energiebedarf haben von Gesamt-London. Also das ist ein Datacenter von der Größe Manhattans und Energiebedarf von Gesamt-London – das ist unvorstellbar. Und dann frage ich mich aber so ein bisschen: Wir sind ja schon wieder in so einem Goldrausch, in so einer Gierphase, ein bisschen wie 2020, 2021. Mit "siehe, du kannst dann sogar sagen, es müssen dann die Datacenter im Weltall sein" und so weiter. Das geht mir alles einen Ticken zu schnell. Also da mal so vielleicht innezuhalten und zu gucken: Wie viel Kapazitäten brauchen wir wirklich? Und was sind die richtigen Orte dafür? Weißt du, so ein Ding, wenn es einmal gebaut ist – die sind ja unglaublich laut. Es gibt sehr viele Anwohner, die dagegen aufbegehren, sehr viele Bürgerinitiativen. Aber es gibt auch Messungen von Leuten, denen so ein Ding nur in klein vor die Tür gesetzt wurde – und einen halben Kilometer weg hast du immer noch 60 Dezibel, das ist total krass. Du hast die ganze Zeit so ein Surren in der Luft, da wirst du kirre. Du bist jetzt hier in der Natur gerade, aber stell dir mal vor, da wäre die ganze Zeit so ein Surren. Das geht mir zu schnell.

Björn Rieckhoff: Nee, das ist kein Spaß, das sehe ich nicht. Aber ich gebe dir schon recht: Es ist häufig so ein bisschen dieser Kompromiss, den man eingehen muss.

Jan Thomas: Nee, nee, das war ja auch nur meine... Ich wollte ja auch sagen: Ich bin auch total unentschlossen. Ich bin auf der einen Seite vor allem jetzt gerade über Anthropic – mit was für einer Geschwindigkeit die... Jeden Tag, wenn ein neues Update kommt, denke ich: Jetzt kann das Ding auch noch Miro-Boards zeichnen oder so. Ich finde das total krass. Auf der anderen Seite: Okay, wenn es das erst in fünf Wochen könnte, wäre auch okay. Und dann kann man vielleicht mal innehalten und dann die Datacenter-Planung auf einer globalen Ebene nochmal durchdenken. I don't know. Es liegt auch nicht an uns, eine Meinung dazu zu haben, aber es geht ganz schön schnell gerade alles.

Björn Rieckhoff: Ja, das ist richtig. Weißt du, ein anderer Punkt, den ich ganz gerne ansprechen wollte, ist SoftBank selber. Du hattest vorhin schon dieses Stargate-Projekt genannt, wo die sehr viel Geld committed haben. Das ist eines von vielen Themen. Und SoftBank selbst ist unheimlich aktiv geworden, hat, glaube ich, auch einen OpenAI-Stake von 11 bis 13 Prozent.

Jan Thomas: Aber zum Teil auch verkauft, ne? Wir haben zum Teil schon geexited auf kleinem Level, hab ich gelesen, mal irgendwann.

Björn Rieckhoff: Genau, richtig. Das hat sich schon mal zurückgestutzt. Ich glaube, wir hatten das Thema tatsächlich auch damals mal im Podcast. Und trotzdem ist bei aktueller Bewertung deren Stake über 90 Milliarden Dollar wert, was natürlich enormes Collateral-Potenzial hat. Die Investitionen, die SoftBank derzeit tätigt, sind nicht notwendigerweise auf dem Balance Sheet, sondern sie sind alle beliehen durch solche Collateral Assets wie eben den OpenAI-Stake. Und du hast Stargate, ein Commitment von 16 Milliarden, ABB Robotics – hattest du, glaube ich, 9 Milliarden Dollar, jetzt eben der große Deal in Frankreich. Ich glaube, SoftBank selber – hatte ich mal nachgeschaut – hat über 130 Milliarden Dollar Schulden und hat eine Marktkapitalisierung von 270 Milliarden. Also es gibt auch Analysten, die sagen: Die übernehmen sich massiv. Wird sich irgendwie zeigen, aber um ein bisschen in diese Kerbe schlagen, die du vorhin aufgemacht hattest, nach dem Motto: Wie nachhaltig ist das alles? Wir müssen halt irgendwann sehen, wie das Ganze tatsächlich Margen generiert. Auf der anderen Seite wird das Ganze super aggressiv finanziert. Also wenn das nicht in diese Richtung geht, dass es irgendwann mal Profitabilität erlangt – diese Infrastrukturprojekte, diese Stargate-Commitments, diese ABB-Robotics-Plays – dann kriegst du auch global aktive Mega-Investoren dahin, dass sie in eine gewisse Schieflage geraten, weil sehr viel von deren Commitment beliehen ist.

Jan Thomas: Ja, zeitgleich habe ich gelesen – es gibt ja ARM, und da ist SoftBank auch massiv investiert, die sind an der Börse um die 400 Milliarden wert. Das ist auch spannend. Ich weiß nicht, wie Michael Burry auf dieses ganze Szenario gerade draufguckt. Man sieht ja immer wieder mal, dass er sagt: Ich shorte jetzt hier Nvidia und sowas. Aber dieses ganze Wachstum auf Teufel komm raus, dann über Schulden finanziert, in der Hoffnung, dass alle Puzzleteile sich fügen – weil das ist ja jetzt zum Beispiel bei SpaceX: Da sagt man jetzt gerade, das Thema Wasser könnte insgesamt nochmal bei den ganzen Data Centers ein Thema werden. Wir waren jetzt schon: Data Centers sind ein Bottleneck. Dafür ist dann Energie ein Bottleneck. Und dafür ist jetzt plötzlich Wasser ein Bottleneck. Das ist schon eine ganz schön fragile Kette. Und das ist größtenteils dieser Geschwindigkeit geschuldet. Deswegen meine ich die ganze Zeit: einmal kurz innehalten.


Björn Rieckhoff: Wäre wahrscheinlich nicht falsch. Insofern ist ja auch der Punkt, weshalb ich häufig so ein bisschen entspannt draufgucke und eigentlich ganz froh bin, in Deutschland zu sein. Das ist eine Aussage, der man jetzt aus gegebenem Anlass widersprechen kann. Aber diese Zurückhaltung, die wir häufig haben – sei es regulatorischer Natur, auch in der Art und Weise, wie wir riskante Investitionen abwägen etc. – das hat insofern Vorteile, als dass du so ein inhärentes Innehalten hast. Aber das ist halt langsam ohne Ende.

Jan Thomas: Finde ich aber schön, wie du das jetzt zum Vorteil twistest.

Björn Rieckhoff: Ja, ja, richtig. Aber es (hinsichtlich) First-Mover-Advantages – nicht notwendigerweise ist es immer das, was am Ende das erfolgreichste ist. Was wir halt schon sehen: Deutschland ist auch für internationale Firmen wie OpenAI oder Anthropic ein enorm wichtiger Absatzmarkt. Weil AI-Adoption hierzulande verhältnismäßig hoch ist, weil sich jeder darüber Gedanken macht – auch gerade der breite Mittelstand. Und während du natürlich solche Anthropic-Initiativen hattest, die wir letztes Mal diskutiert hatten, mit der Software-Suite im Prinzip für KMUs – also auch insbesondere für Kleinstunternehmen in den USA, weil die ein Gros der Wirtschaft tragen – hast du in Deutschland einen ganz breiten Mittelstand, das ist nicht zu vernachlässigen. Und der adaptiert natürlich vorsichtiger als im Zweifel die USA oder die Kunden in den USA. Aber wenn du dann dementsprechend nachhaltig das Ganze einmal implementiert hast, dann hat es natürlich auch eine unheimliche Schwungmasse in der Breite. Und auch da bauen wir wiederum auf einem gewissen Know-how auf – Thema proprietäre Datensätze von vorhin – das ist ja das, was dem Einsatz von KI zugutekommt. Und du hast jetzt auch massiv, glaube ich, einen Schwung von Start-ups, die diese proprietären Daten in eine Struktur geben, sodass die KI damit arbeiten kann. Das ist, glaube ich, auch etwas, was über die kommenden Monate und Jahre zu erwarten ist.

Jan Thomas: Ja, also ich glaube, ein gewisser Zeitdruck ist schon – und sich den auch selbst zu machen, einen gewissen Handlungsdruck – ist schon wichtig. Ich hatte neulich jemanden im Podcast, der aus dem KI-Bereich kommt, der hat gesagt: Naja, der deutsche Mittelstand – Stichwort KI und Implementierung – die sind jetzt so langsam dabei, die Digitalisierung überhaupt erst zu lernen. Jetzt mal irgendwie böse gesagt. Natürlich gibt es solche und solche – aber da fallen mir auch schon viele Betriebe ein, die ich gesehen habe, wo du das Gefühl hast: Okay, da ist es eher noch pen and paper. Hier zum Thema "Was wird aus Deutschland – ist das ein Vorteil oder nicht?" – neu ist der schöne Begriff "indigene Völker" mal aufgetaucht hier. Da muss man halt aufpassen, dass die Welt nicht auf uns guckt, wie wir so auf die indigenen Völker, und sagt: Das sind die, die sich irgendwann vom Fortschritt verabschiedet haben.

Björn Rieckhoff: Ich muss darüber auch lachen, und das ist natürlich schon ein Bild, was man zeichnen kann. Ich glaube, wenn man sich überlegt, was tatsächlich in der Praxis zu sehen ist – natürlich kenne ich aus meinem Bekannten- und Freundeskreis die Leute, die im Mittelstand aktiv sind, und die sagen: Wir experimentieren mit einem Co-Pilot, der uns hilft, die E-Mails zu draften und dergleichen. Das ist schon richtig, aber du hast halt auch sonst durchaus Anwendungsfelder im Forschungs- und Entwicklungsbereich, wo ich wirklich beeindruckt draufschaue und sage: Das ist Wahnsinn, was hier entwickelt wird – auch in Deutschland mit den vorhandenen Ingenieurskompetenzen. Das ist schon ein Asset, was da ist. Ist das jetzt in der Masse schon verbreitet? Wahrscheinlich nicht. Aber ich glaube zumindest – ich habe mal kürzlich auf eine Bitkom-Studie geguckt – die haben rausgefunden, dass bei Unternehmen über 500 Mitarbeiter bereits 60 Prozent Adoptionsrate von KI gegeben ist. Und das ist jetzt nicht 95 Prozent, gleichzeitig auch nicht null. 60 Prozent ist wahrscheinlich schon relativ gut.

Jan Thomas: Aber es gibt auch eine Bitkom-Studie, die besagt, dass viele Mitarbeiter gegen die vorgegebenen KI-Strategien intern und vor allem gegen die Tools aufbegehren. Das ist auch nochmal spannend. Das heißt also: Nicht jedes Tool, was dann von der Geschäftsleitung implementiert wird, ist die richtige Wahl – zumindest aus Sicht der Mitarbeiter. Also ist auch klar, das ist eine Findungsphase. Es sollte gar nicht so zynisch oder so skeptisch klingen, sondern... Was mir nur wichtig ist: Ich würde ungern aus dieser Zögerlichkeit Vorteile gesponnen sehen, weil das sorgt dann vielleicht für so eine laid-back Entspannung, die wir hier in der jetzigen Zeit nicht gebrauchen können. Weißt du, darum geht es mir.

Björn Rieckhoff: Nee, da bin ich bei dir. Das war auch vorhin weniger im Sinne von "Wir sind auf dem richtigen Weg", als vielmehr eine differenzierte Betrachtung im Sinne von "Es kann auch mal Vorteile haben". Aber klar ist auch: Kapitalgeschwindigkeit ist ein großes Thema, ja fast schon zum Alleinstellungsmerkmal geworden. Du musst halt in der Lage sein, schnell Deals zu machen. Und da ist natürlich so ein Besuch des Staatspräsidenten, der privates Kapital nach Frankreich lockt, was anderes, als wenn wir beschließen – bei allem Respekt für die Arbeit der KfW und für alle Ministerien, die sich um Förderanträge kümmern – wenn wir wieder so halbstaatliche Lösungen implementieren und sagen: "Ja, wir fördern das." Aber mit Antragsprozessen, die wieder zwei Jahre dauern. Das ist was anderes, als die Geschwindigkeit des privaten Kapitals anzuzapfen.

Jan Thomas: Ja, und du musst halt auch investible bleiben. Kapitalgeschwindigkeit ist das eine – aber du musst halt irgendwie... Staatsverschuldung ist so ein Thema, dann demografischer Wandel, den haben wir sowieso noch. Das heißt: So ein SoftBank, die gehen ja nicht nur wegen Macron-Besuch nach Frankreich, sondern das ist nur ein Teil davon. Die werden sich wahrscheinlich auch Polen angeguckt haben oder die Nordics oder sonst was und gehen dann eben nach Frankreich aus irgendwelchen Gründen. Und die Gründe muss man verstehen und daran arbeiten, damit es beim nächsten Mal heißt: "Jetzt bauen wir das gleich auch mal in Deutschland."

Björn Rieckhoff: Ne, das ist richtig. Und ich finde auch – "wir bauen das in Deutschland" – das hat es tatsächlich mal gegeben. Auf dem World Government Summit wurde gesagt, dass Deutschland zu 96 Prozent von ausländischen AI-Technologien abhängig ist. Was für ein absurder Wert. Klar, wir leben sowieso in einer globalisierten Welt, insofern ist diese Abhängigkeit auch gegeben bei den USA, bei China. Auch da kommt man irgendwie – ich habe es in derselben Studie gelesen – USA kommt auf 45 Prozent Abhängigkeit von ausländischen Technologien. Fair enough, die sind halt auch nicht so unabhängig – wir sind in einer global agierenden Welt. Aber 96 Prozent ist halt schon hart. Da hängst du wirklich am Tropf der anderen, und das ist halt ein geopolitisches Thema mittlerweile.


Jan Thomas: Und trotzdem auch spannend – ich wüsste gar nicht, was wenn jetzt... Ich habe ja vorhin die Nachteile von diesem Data Center. Also das ist wirklich so ein Ding, das möchte glaube ich keiner in seiner Nachbarschaft haben. Und ich wüsste gar nicht, ob du das in Deutschland umgesetzt bekommst. Wir suchen ja irgendwie seit den 70ern, 80ern nach einem Atom-Endlager. Und das kriegst du ja auch – du kriegst sowas politisch in Deutschland einfach gar nicht hin. Da ist vielleicht der Wille da, aber dann hast du immer irgendeinen, der quer schießt. Du müsstest, glaube ich, mal – Föderalismus hin oder her – irgendwann einmal anfangen, ganzheitlich auf das Land zu gucken und zu sagen: Okay, wenn wir wirklich Digitalisierung und KI wollen, dann kommt halt irgendeine Art von Konsequenz, und dann ist halt irgendeine Region dann auch mal vielleicht ein bisschen benachteiligt, kriegt dafür vielleicht andere Vorteile – das kann man ja auch steuern. Aber das wird dann immer so eine endlose Debatte.

Björn Rieckhoff: Ich wundere mich teilweise über diese Debatten, weil natürlich möchte jeder von uns gerne mit einem Bein im Grünen sein und mit dem anderen Bein in einer totalen Metropolregion. Beides geht halt häufig nicht. Gleichzeitig: Was hat denn Deutschland in der Vergangenheit auch mal wirklich vorangebracht? Das war halt mal der Ruhrpott – und wenn du dir landschaftlich die Verwüstung im Ruhrpott anschaust, kommst du auch nicht unbedingt auf einen grünen Pfad. Und natürlich, wenn man dann so guckt: Kohleausstieg und so weiter, was da mit der Region passiert ist – ist auch nicht jeder ein Gewinner davon. Das ist absolut nachvollziehbar. Aber dennoch muss man sagen: Für diesen sehr wichtigen Zeitraum war das halt das notwendige Übel, was man in Kauf genommen hat, um entsprechenden Fortschritt möglich zu machen. Aber wir dürfen jetzt nicht das Ganze in der Breite der Bevölkerung verträglich machen, wenn wir in der Konsequenz hinnehmen, dass die Breite der Bevölkerung zukünftig absolut benachteiligt sein wird. Das wäre die falsche Herangehensweise aus meiner Sicht. Da müssen wir gucken, wie wir es gemeinsam schaffen, gewisse Kompromisse einzugehen – damit man im Zweifel sagt: "Okay, ich akzeptiere das Surren des Datacenters in zwei Kilometer Entfernung, aber weiß, dass dieses Datacenter dafür sorgt, dass ich perspektivisch noch eine Relevanz habe in der Welt." Das wäre für mich der richtige Kompromiss.

Jan Thomas: Wie der Palmer – ich habe gerade vergessen, wie der Vorname heißt – der Politiker saß auch mal beim Lanz und hat gesagt: Für so ein Solarfeld mussten sie das dann in einer Autobahnzufahrt passieren. Also da, wo es wirklich keinen stört. Das war ein Antragsprozess von zehn Jahren. Und solche Sachen – das muss man halt... Ich habe das neulich hier mit Caro Gabor schon besprochen. Ich mag dieses Bild von – du kennst ja wahrscheinlich Curling, dieses Ice Curling. Da gibt es diese Sweeper, heißen die glaube ich – diese Wischer, diese Typen, die diesen Curl genau dahin bringen, wo er hin soll, und mit der richtigen Geschwindigkeit. Das ist mein Bild von der Bundesregierung. So sollte es sein. Das ist die einzige Aufgabe, die die haben: den Puck schön schnell dahin zu bringen, wo er hingehört.

Björn Rieckhoff: Ich find's geil, weil ich habe so eine krasse negative Sichtweise auf Curling als Sportart. Ich hasse Curling, haha!

Jan Thomas: Curling ist furchtbar, würde ich mir nie angucken. Aber ich finde das Bild dieser Person – du weißt worauf ich hinaus möchte – einfach Geschwindigkeit reinbringen und dafür sorgen, dass das Eis so glatt ist, dass es keine Reibung gibt, dass du maximal schnell dahin kommst, wo du hin möchtest.

Björn Rieckhoff: Du, weißt du, ich finde beide Analogien passen ganz gut. Also meine Verachtung gegenüber Curling als Sportart und der Bundesregierung – ihrer aktuellen Arbeit. Ich lehne mich da mal so ein bisschen aus dem Fenster. Nee, aber ich bin da bei dir. Die Genehmigungsverfahren – das gehört halt reformiert. Wir sprechen die ganze Zeit von Bürokratieabbau. Und ich habe den Eindruck: Egal was man macht, es kommt nur noch mehr Bürokratie hinzu. Soll ich dir mal ein persönliches Beispiel geben?

Jan Thomas: Ja, mach das mal.

Björn Rieckhoff: Da ist tatsächlich etwas, was gerade noch aktuell läuft, und vielleicht schieße ich mir damit ins eigene Bein. Du kennst das Transparenzregister vielleicht.

Jan Thomas: Klar.

Björn Rieckhoff: Jeder, der in VC aktiv ist, kennt dieses Transparenzregister.Es geht darum, zu melden, wer der Begünstigte ist hinter der Kapitalstruktur. Ich habe eine vermögensverwaltende GmbH und ich habe geheiratet. Ich habe meinen Namen von Loose auf Rieckhoff geändert. Ja – jetzt habe ich ein Ordnungswidrigkeitsverfahren (am Hals).

Jan Thomas: Das darfst du auch nicht machen, das ist nicht vorgesehen.

Björn Rieckhoff: Was soll das? Mir wird vorgeworfen, dass ich irgendetwas verschleiern wollte, weil ich meinen Namen geändert habe. Und so viel zu Bürokratieabbau.

Jan Thomas: Da ist ein Anfangsverdacht gegeben, Björn. Entschuldige bitte.

Björn Rieckhoff: Auch gerade bei den Summen, die ich natürlich täglich hin und her schiebe. Das ist an Absurdität nicht zu übertreffen. Jedem, dem ich das erzähle, musst du erst mal laut anfangen zu lachen. Selbst die entsprechenden Mitarbeiter müssen das wohl tun und denken dann: Ja, aber wir setzen halt bloß eine Dienstanweisung um.

Jan Thomas: Und weißt du, das ist das Spannende. Das kennst du wahrscheinlich auch von zahlreichen Start-ups – aber bei mir ist es zumindest so, und auch mit vielen, mit denen ich im Podcast spreche. Wir reden hier immer über Fokus, Priorisierung und Fokus. Das sind so die beiden wichtigsten Themen, die du als Unternehmer können musst. Also: Arbeite an den richtigen Dingen. Und weißt du, ich finde, das müsste auch mal von der Regierung – müsste irgendwie so ein Fokusthema kommen, wo du sagst: Dann verstehen auch Mitarbeiter von Behörden vielleicht, dass sie an manchen Themen – wie zum Beispiel den Björn Rieckhoff, ehemals Loose, anzuschreiben – vielleicht jetzt gerade nicht arbeiten müssen.

Björn Rieckhoff: Das wäre wünschenswert.

Jan Thomas: Das wäre jetzt nicht nur in eigener Sache, sondern mir geht es wirklich darum, dass man das Gefühl hat: Da wird an den richtigen Dingen gearbeitet, und andere Sachen, die eher Belästigung sind – die eben nicht Curling sind – einfach mal links liegen lassen.

Björn Rieckhoff: Richtig, ja. Also der Jeff Bezos, man kann von ihm halten, was man möchte, aber der hatte in jüngerer Vergangenheit mal gefordert, dass man 50 Prozent der Einkommensbezieher in den USA gar nicht mehr belasten sollte mit der Einkommensteuer, weil es ein vernachlässigbar geringes Steuereinkommen ist, was man dadurch generiert. Du musst dich einfach auf die Relevanten, auf die großen Themen fokussieren, dann kommst du schneller weiter. Und dann sparst du dir so viel Aufwand bei den kleineren Sachen. Ein Schuldeingeständnis – habe ich den Namenswechsel beim Transparenzregister gemeldet? Offiziell: Nein, habe ich leider verpasst. Natürlich habe ich da formell einen Fehler gemacht. Aber man könnte auch auf die Idee kommen, dass man sagt: Warum ist das Transparenzregister nicht mit dem Handelsregister abgeglichen? Warum brauchst du diese separate Meldung? Das ist einfach so ein Pragmatismus, den ich mir manchmal wünschen würde. Und ja, ich bin sehr wohl für den Schutz vor Terrorismusfinanzierung und dergleichen. Insofern verstehe ich die Intention dahinter. Aber wie du sagst: Es muss halt irgendwo in Relation bleiben.


Jan Thomas: Und das ist ja das Spannende. Vielleicht eine Podcast-Empfehlung: Ich habe Ronzheimer gerade neu gehört, der hatte Martin Greive vom Handelsblatt zu Gast – und es war echt ein gutes Gespräch über die Frage: Wie viel Geld muss eigentlich eingespart werden in Deutschland, und wo kann das herkommen? Und es fallen einem schon ein paar Punkte ein. Zum Beispiel das Anfassen von Daten doppelt, drei-, viermal in der Kette, wie du es gerade gesagt hast. Gunter Dueck hat mal gesagt: Das sind so die Bildschirme-Anschauer, die die ganze Zeit auf den Bildschirm gucken und Daten von A nach B kopieren. Die hast du einmal eingetragen, und dann werden sie ausgedruckt, abgetippt, neu eingetragen, wieder abgetippt. Und das sind halt so Prozesse, die müsste sich einfach mal – jetzt haben wir ja einen Digitalisierungsminister – das wäre ja so ein schönes Thema mal. Naja. Björn, wir müssen aufpassen, wir kommen hinterher. Ich glaube, das passt eher für irgendwie mal eine Kneipe und die Bar. Das werden wir heute nicht mehr lösen können. Aber nochmal zurück zu SoftBank: Dein Fazit vielleicht noch mal ganz kurz da raus. Werden wir davon mehr sehen? Gibt es mehr SoftBanks dieser Welt, die jetzt nach solchen Targets suchen? Müssten Klingbeil oder Merz mal ein bisschen auf Tour gehen? Oder würdest du sagen, das war eine einmalige Geschichte, und wir partizipieren jetzt an Frankreich und hängen da so ein bisschen am Tropf?

Björn Rieckhoff: Ich würde tatsächlich sagen: Eine europäische Öffnung würde durchaus Sinn machen, dass man jetzt nicht wieder jeder für sich sein eigenes Süppchen braut. Das macht glaube ich weniger Sinn. Dann haben wir bloß hinterher eine Konkurrenzsituation, die wir eigentlich nicht bräuchten. Natürlich geht es irgendwie darum – ich habe jetzt gesehen, bei diesem großen Projekt ist zum Beispiel Schneider Electric der Partner für Bau und Hardware. Das wäre halt schön, wenn man da einen Siemens sehen würde, aus deutscher Sicht heraus. Da muss man schon versuchen, nationale Interessen zu wahren. Aber ich bin kein Freund davon, dass jeder für sich da aktiv wird und wir dann dahin kommen und sagen: Wir machen jetzt kein 5-Gigawatt-Projekt, sondern ein 10-Gigawatt-Projekt. Und davon hat auch keiner was. Sinnvoll wäre wahrscheinlich, den europäischen Strommarkt weiter zu öffnen, zu erschließen, zusammenzuarbeiten – um geschlossen als Europa aufzutreten. Thema Kleinstaaterei, Vergangenheit – das tat noch nie irgendjemandem gut.

Jan Thomas: Gutes Schlusswort, Björn. Hoffe ich ja. Perfekt. Ganz lieben Dank, war eine spannende Folge, muss ich sagen. Wieder viel drin. Ja, wir wollen nicht in European Dynamism verfallen, aber ich finde, wir sehen schon: Es tut sich was. Das ist schon mal ganz gut.

Björn Rieckhoff: Ja, wir sind halt doch nicht so ein kleiner Player, wie die Amerikaner und die Chinesen immer gerne behaupten. Man sieht auch an solchen Investitionen, dass wir geopolitisch eine relevante Rolle spielen, und das tut gut zu sehen.

Jan Thomas: Und auch hier – Recursive haben wir besprochen, dann AMI Labs in Frankreich, und dann hier Inevitable Systems aus London und so. Es kommen halt auch eine ganze Reihe an krassen Unternehmen mit riesengroßen Runden. Also das ist schon irgendwie so ein Hallo-Wach-Moment gerade, finde ich.

Björn Rieckhoff: Ja, tut gut, das stimmt.

Jan Thomas: Cool, dann lieben Dank, dass du da warst, und dann freue ich mich auf die nächste Folge.

Björn Rieckhoff: Danke. Bis dann.

Jan Thomas: Bis dahin, tschüss. Ciao.


Über Björn Rieckhoff

Björn Rieckhoff ist Independent Advisor und Business Angel mit fast zehn Jahren Erfahrung im Early-Stage-Venture-Capital. Er half beim Aufbau von Cavalry Ventures als erster Mitarbeiter und wurde später Partner des Fonds. Heute unterstützt er Gründer beim Fundraising, schärft ihre Story, stellt Geschäftsmodelle auf den Prüfstand und setzt schlanke Finanzierungsprozesse auf. Mit über 80 Transaktionen und Board-Sitzen von der Seed- bis zur Series-B-Phase bringt er diese Perspektive als Sparringspartner für Unternehmer ein.

Über Startup Insider

Startup Insider ist das Branchenportal für die Startup-Szene im DACH-Raum. Hier findest du Nachrichten aus allen Regionen und Industrien sowie eine Übersicht der wichtigsten Akteure und Events der deutschsprachigen Startup-Welt.

Links

$